12.06.2018 Den Beitrag fasse ich zusammen mit dem kompletten Aufenthalt in Vladikavkaz
Nach dem Start in Elista ging es am nächsten frühen Morgen weiter in Richtung Tiblissi, im Glauben, wenige KM sind doch keine Hürde, um gesetzte Ziele zu erreichen. Also fuhr ich los mit dem Wissen, dass die Hinterradspeichen zwar etwas ausgeschlagen waren, ich jedoch in der Lage wäre, diese zu richten. Fehlgeschlagen. Ich kam zu einem Punkt, an welchem die Transalp definitiv nicht mehr weiter fuhr, weil das Hinterrad zwischen linkem und rechtem Schwingeninnenrand komplett hin und her eierte. Es ging nichts mehr.
📍 Hier ging nichts mehr: 43°15’51.5″N 44°16’09.6″E – auf der Karte ansehen
Erneuter Stillstand und ich wurde langsam richtig flattrig. Vor mir war eine T-Kreuzung, an welcher wieder Polizisten standen. Ich war richtig schlecht drauf, da meine Erfahrung ja nichts Positives mit den Leuten dort vor Ort in den Anzügen gezeigt hatte. Naja, also stand ich dort und versuchte irgendwie Hilfe zu organisieren. Erneut textete ich meinen Freund Alexey alias SLON RUS (YouTube, Telegram, Instagram) und bat ihn um Hilfe bzw. einen Rat was ich tun könne.
Sein Englisch war nicht perfekt, sodass er mich nicht 100 Prozent verstehen konnte – alles kein Problem. Eine ihm bekannte Frau aus Deutschland rief mich im Kaukasus auf dem Smartphone an, um 100 % zu verstehen, in welcher Lage ich mich genau befinde. Ich teilte der Frau mit:
- dass mein Motorrad nicht mehr fährt
- die Speichen am Hinterrad so ausgeschlagen sind, dass ich keinen Rundlauf mehr hinbekomme
- ich mitten in der Pampa stehe mit all dem Gepäck
- einen Flug von Tiblissi nach Deutschland gebucht hatte
- der Flug um 8 Uhr morgens ginge und nur noch 17 Std. Zeit für 274 KM blieben
Kurz darauf rief Alexey erneut an und beruhigte mich, dass Freunde unterwegs seien – mit der Frage, ob ein Kleinwagentransporter reichen würde oder es schon ein wenig größer sein sollte. Sicherheitshalber meinte ich, etwas größer, etwas besser. Es ist nur eine Alp, aber überladen mit viel zu viel Gepäck.
In Deutschland wäre das kein Ding und definitiv zu schaffen. Das Navi jedoch zeigte an, es sei ein Grenzübergang und im Kaukasus noch ein paar Straßen zu fahren, sodass man mindestens für ca. 300 KM noch locker 5 Std. einrechnen sollte. Joa, wäre ja immer noch genügend Puffer, wenn alles am Schnürchen läuft – es kam alles anders.
Nun stand ich da und wartete und wartete und wartete. Die Polizisten kamen auf mich zu, mittlerweile war es nicht mehr Mittagszeit, sondern Abendzeit und sie hatten die Chance mich die ganze Zeit zu beobachten. Sie müssen jetzt Feierabend machen und wollen, dass ich da nicht mehr zwischen Straße und Leitplanke rumstehe. Ob sie mich anschieben können. Irgendwie mit Händen und Füßen wollte ich denen begreiflich machen, dass das Motorrad funktioniert, jedoch sich das Hinterrad halt nicht mehr drehen würde. Egal – es wurde ausprobiert, es musste aus eigener Erfahrung empfunden worden sein……. Hände und Füße sind dann doch nicht immer genug, der gute Wille zählt 😉
Dank Alexey (SLON RUS) kam Hilfe an. Ein 3,5-Tonner hielt mitten im Nichts an und es stiegen 2 halbstarke Jungs aus – dawei dawei (los los) Ich wusste von nichts, also haben wir erstmal das Moped ohne Laderampe zu dritt da hoch gewuchtet und angespannt. Zack rein, los, fertig und weiter geht es. Wir fuhren nach Vladikavkaz und hielten an einem ganz skurrilen Ort an. Eine Menschenmasse versammelte sich, die Ladefläche mit der Alp wurde angeschaut und dann genuschelt.
Es kam mir so vor, als wären alle besser informiert als ich selbst, obwohl ich oben die Punkte Alexeys Kontakt gegeben hatte und sich um mich rum viel mehr Gedanken gemacht wurden als ich es selber in dieser Situation konnte.
Max! – Da? ok? Da! Motorcicle ok? Njet motorcicle ok! – ok, you ok? da, im ok! – plan? da, plan! quakvo plan? – tiblissi 8 AM, – ohhhhh ok, no problem, Tiblissi 3 hours.
Wir warteten, es kam ein Mitsubishi Lancer Evo – Russia Kaukass Edition. Anschnallen war nicht. Luftfilter ausgebaut. Und dann ging es ab – Vladikavkaz – Pass. Ich Mitte hinten, rechts neben mir Boss vom Motorradclub Vladikavkaz, Fahrer war ein Freund von Aleksey, Links neben mir mein neuer Freund aus dem Kaukasus alias „Vlad“ und vorne auf dem Beifahrersitz ein Unbekannter. Ich wollte mich anschnallen. NO NO NO – NJET NJET NJET….. und ab ging die Rakete. Von Kurve zu Kurve – DIE HABEN SICH SO EINEN WEGGEBALLERT, ICH UNANGESCHNALLT…. abartig…. njet problem, no bondage….
Alles klar, ich schweißgebadet, kamen wir oben am Pass an, mit einem Auto. Ich war immer noch nicht angeschnallt. Es war ein Horror Speed Trip. Unglaublich. Auf der Fahrt fragte mich der Clubboss wie ich heiße. Max, – OK, und wie im Motorrad? naja mal so, mal so -ok. Sein Spitzname war irgendwas mit „Stahl“ weil er schon 3 oder 4 Unfälle hatte und mehr aus Schrauben und Stahl bestünde als aus Fleisch. Unglaublich beruhigend. Dachte mir nur – ALLES KLAR BEI DIR – WAS????? – Der Clubboss fragte mich erneut – Flugzeit? yes, 8 AM, 8 o clock. 8 AM TIBLISSI. ZACK – Stau, aber VOLLE LOTTE…. also richtig Stau. Ca. 250 – 300 Fahrzeuge wollten nach Georgien und nichts ging. Alle wollten richtig kontrolliert werden. Dann kam mir die Information – „Den Grenzübergang kann man nicht zu Fuß machen, man benötige ein Fahrzeug“ – Joaaaaaaaaaaaaaa, danke für nichts, meine Alp ist kaputt in Vladikavkaz – Chazzzz chazzzz sagte der Clubchef, ausgestiegen und fragte von den gefühlten 250 Fahrzeugen alle an, ob sie mich als Tourist mit nach Tiblissi mitnehmen möchten. Ich war blinder Passagier. Einfach abartig genial wie ein wildfremder Mann sich mit so einem Engagement für dich ins Zeug legen kann. Wahnsinn. Und der machte es sich auch zu seiner Aufgabe, solange, bis er einen gefunden hatte. Wir stiegen ein, und die Fahrt war gebucht.
Postbote „Joe“……… „Grenzübergang – Mitfahrgelegenheit Russland – Georgien“
Ich war ja froh, dass ich letztendlich auf Russisch irgendwie bis zum ersten Parkplatz 30 Passkilometer nach der russisch-georgischen Grenze mitgenommen werden durfte. Und mir wurde klar verständlich gemacht, ich müsse an einer Y-Kreuzung aussteigen und warten – bis mich ein Bestimmter auflädt. OK – Blindes Vertrauen. Nun war ich froh – Passübergang – Gezeigt, OK – Fahrer nahm mich mit auch ok. Wir fuhren bis zur ausgemachten Stelle auf georgischer Seite – Stopp und Raus. Nun stand ich da, es war nach Mitternacht und meine paar Stunden zum Flug rannen dahin. Es hielt ein Camper/Tramper/Vanbus an – EY – ALLEMANIA TOURIST????? – ähhh – „da“ – „dawei dawei“
„GUTEN TAG“ – „Hi, GUTEN TAG“ „allemania?“ – „allemania“ – „Hitler?“ – „no, generation no hitler“ – „hmm ok – ALLES GUT“ – „ALLES GUT? – ALLES GUT“ ich – „Tiblissi?“ – er „Tiblissi!“ – ich – „8 am ok???? possible???? ok???“ er „SUPER, ALLES GUT“
Es war kurz nach 1 Uhr nachts, und bis zum Abflug um 8 blieben noch sieben Stunden.
Dieses Scheiß-„Super, Alles Gut, Alemanja, immer gut, perfect, no problem“ – das ging mir die ersten 3–4 Stunden nicht aufn Sack, aber irgendwann wurde ich unruhig. Wir hatten 3 AM – und die Zeit wurde enger. Wir hielten überall an und der machte Raucherpause. Warten, hielt an und schmiss einen Sack Briefe ins Nichts. Weiter fahren. Wieder mit 40 – 50 KM/h statt erkannte 80 – 90. Und vom Fahrer kam alle 20 Minuten in gebrochenem Deutsch alles, was er konnte: „Danke, Alles Gut, Willkommen, Kein Problem, Alles Super. Genial, Dawei Dawei“ –
Ob ich den Flieger um 8 Uhr wirklich noch erwischt habe? Ehrlich gesagt weiß ich es heute nicht mehr – nach 34 Stunden ohne Schlaf verschwimmt alles. Fest steht: Ich kam heim. Die Alp blieb in Vladikavkaz. Und ein paar Wochen später saß ich schon wieder im Flieger Richtung Tiblissi …